Gerd Berghofer
geboren 1967 in NŸrnberg, schreibt
Lyrik und Prosa. Seine Arbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet, zuletzt:
Elisabeth-Engelhardt-Literaturpreis 2003 des Landkreises Roth. Der Autor ist
verheiratet und lebt in GeorgensgmŸnd.Veršffentlichungen: Vier GedichtbŠnde,
eine ErzŠhlung, zahlreiche Anthologiebeteiligungen, BeitrŠge in
Literaturzeitschriften.
Prosa
(...) Sie verlassen die U-Bahn an der nŠchsten Station,
sie sind weit, weit von
zuhause entfernt. Es mondet durch die Stadt, es ist frŸher Morgen. Sie
gehen nebeneinander her, er legt seinen Arm um ihre Schulter, sie lЧt es zu.
Zšgerlich, sehr zšgerlich legt sie ihren Arm um seine Taille. Die ersten Všgel
zwitschern im GeŠst der bizarren
BŠume. Nichts auf den Stra§en zu sehen au§er parkenden Autos. In den HŠusern
ringsum brennen nur noch wenige Lichter. ãIch wŸrde zu gerne wissen, was hinter
diesen Fenstern alles geschiehtÒ flŸstert er. Seine Stimme ist nicht bestimmt
wie sonst, sondern weich und sanft wie die eines Mannes am ersten Abend. All
das wei§ sie zu werten, sie nimmt es auf und genie§t es, erleichtert Ÿber einen
Sieg, der seit vielen Wochen wieder und wieder drohte, dem des Pyrrhus
gleichzukommen. Alle KrŠnkung, alle Wunden, es wird Zeit, die Finsternis dieser
Beziehungsphase zu vergessen. Sie
wei§, wie nah sie selbst der Niederlage stand und ein Satz, den sie viele Jahre
zuvor las, fŠllt ihr ein, die Frage nŠmlich, wann eine Kerze am hellsten
scheine? Es ist immer dieselbe Antwort, die da lautet: Im Dunkeln. (...)
***
Es ist eine leise Nacht, die in all ihrer Behutsamkeit
einen dunklen Kokon um einen Mann und seine Frau spinnt. Sie liegen, in nichts
als Haut gehŸllt, ineinander verschlungen auf einem Futon. Ihre Kšrper
schmiegen sich aneinander, ihre Kšrperkonturen zeichnen einander nach,
wellenliniengleich. Zwanzig Zehen am Ende, zwei HŠupter am Beginn, ein Gesicht
vergraben ins Haar des anderen, mit schlafenden, schlŸrfenden MŸndern. Die
Augen fliegen unter den Lidern umher. Seine Hand umfa§t ihre Brust, nicht derb,
nicht zŠrtlich. Sie ist nur dort und dort soll sie sein, dann wei§ sie um ihn,
und er wei§ um sie. Er spŸrt, dass sie atmet, und sie bemerkt seinen Atem im
Haar. Das ist der Takt, der sie einschlafen, der sie erwachen lŠsst, und
dazwischen ernŠhrt sich ihre Gewi§heit: bršckelte um sie herum der Ort, die
Welt - seine Hand bliebe.
***
(aus: Beziehungen und andere Feindschaften)
Lyrik
gŠnsfleisch
kurznachneun. gleich nach der brotzeit
betteln zwecklos. aus den federn zerrt
der bauer das kreischen
und trŠgts mit zwei hŠnden zum richtblock,
der trieft schon von dem was vorausging.
letzter versuch eines fluges im ansatz gescheitert.
not ready for take off, dafŸr zieht der bauer
gleich hinter den ohren den hals in die lŠnge mit links.
breitbeinig beidhŠndig die bŠurin am ende
sie krallt sich die luftdurchpflŸgenden paddel
und nickt dem scharfrichter zu ein beil
schlŠgt irgendwo auf der lŠnge des halses ein
und
durch. die bŠurin beweist sich als guter mensch
und lŠsst das tier noch einmal fliegen. gegen
den kirschbaum prallt ein federvieh kopflos
und lšscht den staub mit blutigem schaum aus
dem hals. herzschlag ins leere und ausgepumpt
hat sichs der kopf fŠllt in die schŸssel zur linken
rot und wei§ und fliegen drauf.
vom vielen richten bekam der bauer ršteln
an gesicht und schŸrze
pause. die zigarette danach und dazwischen
die zigarette klebt an den blutigen fingern fest.
bŠurin ziehts
kopftuch eng, wind kommt auf.
vom gŠnsestall her schnatterts noch einen
energischen nachruf. der bauer ist mŸde.
hilft nichts, weils weihnachtet.
***
zur zukunft befragt
ich wurde gefragt
was ich von meiner zukunft
erwarte
ich erwarte
sie
tŠglich
neu
sie Šhnelt
dem brieftrŠger
***
begierde
wir schŠlen die lust
aus
dem fleisch wenn
wir uns am abend begegnen
wenn wir den linien der hŠnde
folgen auf unseren kšrpern
im dunkel im hunger
nach hellem in uns dem
wei§en in unseren augen folgend
schwankend voreinander
erblindend geblendete geschšpfe
wortlos bebend dann wieder
worte ineinander sagend
finster und schšn und wir fallen
fallen und fallen dabei
fallen hinab
hinunter den weg
den wir kamen versunken in
gedanken an uns
wundgehofft, wundgedacht
***
vorsorge
wir schlagen das licht in scheite
die lagern wir dunkel
damit sie nicht leuchten
die lassen wir liegen
daraus wŠchst
eine stunde ein tag
fŸr dann wenn nacht um tag sich hŸllt
und wir odysseus gleich
den zyklopen blenden mŸssen
***
kathedrale der nacht
so spannten wir die tage
vor unsere kutsche
und legten uns gewŠnder an
die uns erhoben
Ÿber das
was wir niemals
besa§en
so trieben wir die tage vorwŠrts
in die ferne streunten durch
die fremde rissen die sterne
vom
himmel wo wir sie
zu fassen bekamen und gruben
sie ein in unsere
spuren
so wurde es dunkel
und dunkler und nacht doch wir
wu§ten
einander im ruf der eulen
und trieben trotzdem
die verdunkelten tage voran
um uns herum formte sich die nacht
zu stein fŸr jeden stern
wuchs ein kiesel heran an der wand
der kathedrale der nacht fuhren wir
blindlings unsere
kutsche
zuschanden dann stille und ein
flŸgelschlag
einer uns fremden eule