Horst Ludwig

Horst Ludwig

Zwei Haiku

 

Normalerweise sollte man sich nicht zu Texten äußern, über die man sich nicht alles in Erfahrung gebracht hat, was man zu ihnen wissen kann. Wenn ich zum ersten der beiden Haiku, die ich im folgenden besprechen will, trotzdem etwas sage, dann ist der Grund, weshalb ich den Autorennamen nicht kenne, der, daß er mir aus Spielerei vorenthalten wurde. Aber: Das Hildebrandlied ist ein großes Gedicht, und wir können das sagen, obwohl wir den Namen des Autors nicht wissen, aufgrund des Textes allein; und: es ist bekannt, daß auch Bashô nicht nur gute Haiku verfaßt hat.

Vorausschicken möchte ich zudem, wie wichtig mir als Haikuautor und -kritiker die genaue Beobachtung der Welt ist. Der haijin (Verfasser eines Haiku) gibt der Welt, wie sie ist, sprachliche Form! Dazu muß er jedoch erst einmal genau wissen, wie die Welt ist. Bei zu vielen deutschen Haiku sehe ich sehr viel sprachliche Form, aber zu wenig die Welt, wie ich sie erlebe, weil ich versuche, alle meine Sinne zur Welterfahrung offenzuhalten. Bei meinen eigenen Texten versuche ich auch ganz bewußt, jede unbeabsichtigte Interferenz vorausgegangener Iyrischer Formgebung auszuschalten. Stellt diese nämlich Richtiges dar und ich benutze sie, dann bin ich als Lyriker Epigone, wenn nicht gar Plagiator; beschreibt sie Überholtes, dann repräsentiert sie kein Erlebnis der Welt, wie sie ist, sondern eine in dem negativen Sinne des Wortes bloß "vorgestellte" Welterfahrung.

 

Ein Beispiel für einen Text, der mir nichts sagt, ist das "Lieblingshaiku", das in der Vierteljahresschrift der Deutschen Haiku-Gesellschaft, 35, S. 51 angeboten wird: "Nur halb geöffnet, / bis heute nicht entziffert -- / Schriftrollen des Farns." Das klingt so staunend, so geheimnisvoll, so "geraunt"; aber bis auf die halbausgerollten, noch so richtig frischen Blätter des Farns im Frühling ist da nichts. Denn die doch etwas simple Anbiederei (Alle Gelehrten mit all ihrer unverständlichen Arbeit haben das Geheimnis des sich immer neu eröffnenden Lebens "bis heute" nicht entziffert, ich dagegen nehme das als Zeichen, ich bin der, der dieses Stück Natur als ältestes Testament, als "Schriftrolle" sieht), diese Haltung beeindruckt nicht. Was einem der sich so kraftvoll öffnende Farn an Schönheit vermittelt, verlangt stärkeren sprachlichen Ausdruck als den hier gegebenen; was einen Sonntagsspaziergänger am Farn intellektuell auf einmal so interessiert, könnte er in sauberen Enzyklopädie-Artikeln schon nachlesen, und da würden ihm die Augen etwas aufgehen, und dann würde er vielleicht diesen Farn mit größerem Erstaunen -- auf jeden Fall besser vorbereitet -- betrachten, als dieses Haiku es zeigt. Was wir hier lesen, sind "schöne Wörter"; was wir jedoch an "Sinn" bekommen, läßt schon stark zu wünschen übrig.

 

Halten wir dagegen aus dem gleichen Heft einen Text von Johanna Jonas-Lichtenwallner: "Vor meinem Fenster / sich wiegende Bäume und / ein schwarzer Vogel". Auch hier haben wir ein Ich, das ein Stück Welt erlebt. Doch statt ungekonnt Philosophie zu treiben und groß mit der "Erkenntnis" der im Kleinen gesehenen Unzulänglichkeit der Welt zu protzen, finden wir nur die Beschreibung einer Szene, einer durch einen (Fenster-)Rahmen begrenzten Szene noch dazu. Der Autor macht dem Leser nichts vor; trichtert ihm nichts ein, will ihn nicht von irgendetwas überzeugen, sondern er stellt ihm etwas hin. Und der bekommt: eine unbestimmte Anzahl Bäume, die sich im Winde etwas wiegen, und einen schwarzen Vogel. Das ist alles. Nicht viel also.

 

Er bekommt nicht einmal ein anständiges Jahreszeitenwort. Wir hören weder Blätter rauschen, noch werden die Bäume als entlaubt dargestellt. Wir wissen nicht, wie groß der schwarze Vogel ist, noch ob er nicht vielleicht auch singt. Der Leser muß sich schon richtig bemühen, wenn er aus diesem Material etwas Sinnvolles machen will. Ein solches Unterfangen gelingt jedoch selbst bei großer Anstrengung nur, wenn der Text wirklich "mit Sinn geladen" ist; sonst ist jedes Wort dazu verloren.

 

Eigentümlich ist, daß der Text gerade durch seine Unbestimmtheiten zu näherer Betrachtung auffordert. Daß es sich nämlich um ein Haiku handelt, steht außer Frage. Erwartungen, die der Leser deshalb zu Recht mitbringt, findet er aber nicht so ohne weiteres erfüllt. Doch erinnern wir uns, was Higginson zu Takako Hashimotos "Frischgewaschenes Haar / Wo ich auch langgehe: / Wassertropfen" begeistert bemerkt: "Ich zweifle, ob auch nur eine einzige Jahreszeitenwortliste Takakos 'frischgewaschenes Haar' enthält; aber ich lese allemal das Gedicht lieber als die Jahreszeitenwortliste auf der Suche nach diesem Ausdruck. Flutet durch das Gedicht nicht helles Frühlingssonnenlicht[?]" (meine Übertragungen aus The Haiku Handbook, Tokyo 1985, S. 91f.). -- Welche Jahreszeit wäre nun in Jonas-Lichtenwallners Haiku deutlich genug impliziert?

 

Wir haben auf jeden Fall keine "Frühling, ja du bist's"-Stimmung. Das Drinnensein des Sprechers, seine rein visuelle Erfahrung der Außenwelt schließen das eigentlich aus. Kein Blätterrauschen, keine leuchtenden Früchte -- nein, der schwarze Vogel ist kein kirschenstehlender Star! --, kein Sommer, kein Spätsommer. Der Text spricht am deutlichsten, wenn wir ihn als November-, wenn nicht sogar als Wintertext lesen. Es ist keine beunruhigende Szene, in die wir hier versetzt werden; aber es ist auch keine Szene voll Tatkraft und jugendlicher Lebensfreude. Der Autor nutzt die mitschwingenden Bedeutungen jedes der Wörter voll aus, um ein zur Neige gehendes Leben vorzustellen: ganze Bäume wiegen sich, nicht belaubte Zweige in sanftem Sommerwind; und der schwarze Vogel ist in der fast reglosen Natur besonders auffällig. Das Bewußtsein von der Erfahrung eines ganzen Lebens ist unübersehbar -- und findet seinen sprachlichen Ausdruck im Anklang an "Wiege" und den Assoziationen, die in unserer Kultur die Nennung einfach eines "schwarzen Vogels" hervorruft. Welche anderen Assoziationen hätten wir doch sofort, wenn da "ein schwarzes Vögelchen" stünde! Nein, Bewußtheit des menschlichen Lebens von der Wiege bis zur Bahre spricht aus diesen Zeilen!

 

Und das hier dargestellte Leben ist näher an der Bahre! Das eigentliche, normale Leben ist "draußen"; die Bäume sprechen auch vom Material für die letzte Behausung ("Ein Tännlein grünet, wo?"), der klar vernehmbare sprachliche Hiatus am Ende der zweiten Zeile -- wer braucht da einen Gedankenstrich oder sonstigen Schneidewortersatz! -- vor der endlichen Nennung des symbolträchtigen schwarzen Vogels; das alles zeigt hinreichend ein Bewußtsein, mit dem ein alterndes, aber immer noch genau beobachtendes und deshalb erfülltes Leben auch den nahenden Tod ins Werk einbeziehen kann. Weder "lachenden Munds" und auch nicht überästhetisiert ist hier das Ich "dem Tode schon anheimgegeben", sondern mit großer dichterischer Würde -- und im Einklang in die Natur, wie der echte haijin sie erlebt.

 

Solcherart ist das große Haiku deutscher Sprache!

 

Während das Farn-Haiku sich mit "schönen Wörtern" zu zweifelhafter Aussage versteigt, erinnert der zweite Text einen echten Haikumoment. Und wenn W. v. Bodmershof1 meint, vor "flügellahmer Sachlichkeit" warnen zu müssen, so meine ich angesichts dieser zwei Texte (und nicht nur dieser zwei), die viel größere Gefahr droht dem deutschen Haiku vom geschwollenen Daherreden.

 

In beiden Texten wird aber, wie fürs Haiku richtig, eigentlich das Verhältnis des implizierten Ichs zur Welt dargestellt. Der Leser dieser Analyse kann nun jedoch für sich selbst entscheiden, mit welchem von beiden er lieber ins Gespräch käme. Denn auch dem dient ein Haiku ja: der klaren Mitteilung der Erfahrung eines Stückes echter Welt.

 

 

1zitiert nach: M Buerschaper, Das deutsche Kurzgedicht, Göttingen 1987, S. 152.