Reinhard Knodt
Gedanken beim Reinigen des Heidenheimer Klosterbrunnens
„Wandelbar
ist unser Geist, der lernend aufnimmt, was er nicht wußte und verlernend
verliert, was er wußte und durch das scheinbar Wahre getäuscht wird,
das Falsche für das Wahre zu halten. So ist er durch seine eigene
Dunkelheit wie durch Finsternisse gehemmt, zur Wahrheit zu gelangen.“
Die
Heidenheimer Klosterquelle liegt außerhalb des Kreuzgangs unter
schattigen Buchen in einer baumbestandenen Mulde. Ein wenig sieht sie aus wie
ein Häuschen mit einem Geheimnis. Man fragt sich, was das Geheimnis sein
möchte und weiß natürlich, hier hat alles begonnen. Und vieles
Andere beginnt dort auch nach wie vor, die Liebe etwa; ich stelle mir vor,
daß die Jugendlichen des Marktfleckens Heidenheim dort stehen, ein junges
Paar, nachts an die Holzbalken gelehnt über die ganze Welt sprechend, er
zigarettenrauchend erklärt ihr etwas und sie nickt. In manchen Stunden
tagsüber hört man dort mit dem Fließen des Wassers auch die Orgel
vom Münster und das Rauschen der Blätter in den Baumkronen. Die
Vollkommenheit des Geräusches von fließendem Wasser, das
Geräusch des Windes in den Blättern und die hergewehten Töne der
Orgel, — dazu das Sonnenflirren im Schwanken der Äste und der schier
unendliche blaue Raum über den Heidenheimer Münstertürmen, dies
alles ist von einer Unnachahmlichkeit, die durch Menschenwillen nicht
herstellbar ist, die aber dennoch besteht und die derjenige kostet, der zum
Beispiel die Heidenheimer Klosterquelle reinigt.
Ich kehre die
Steine morgens und abends. Wenn es geregnet hat, schabe ich das Erdreich von
der Umfassung und fische Blätter und Insekten aus dem Wasser. Sehr
nützlich ist meine Tätigkeit zugegebenermaßen nicht, heute Nacht schon wird vielleicht das
nächste Liebespaar hier stehen, er wird rauchen und ihr etwas
erklären und sie wird nicken und ein Schokoladenpapier fallen lassen oder
der Regen wird kommen und Schlamm vom Hang herab über die Steine
schwemmen. Aber — wie soll ich sagen — für mich ist es, als
müsse es eben genau so sein und als würde durch meine Tätigkeit
dieser Ort und dieser Stein und diese Bäume ganz besonders zu mir
sprechen. — Wenn ich im Münster stehe, nur zum Beispiel, ist es als
könne ich von hier aus das Fließen des Wassers und Windrauschen in
den Buchen über der Quelle hören und hier stehend sehe ich dann vor
meinen Augen dieses weiße Häuschen unter den Buchen mit seinen
braunbespritzten Füßen und frage nach seinem Geheimnis.
Orgel I
Augustinus
sagte einmal, für die menschliche Seele sei Wahrheit zwar schwer zu
erkennen. Noch schwerer aber sei, sie anzuerkennen und mit ihr auszukommen..
Oft trösten wir uns mit der Hoffnung auf Änderung und sind dabei doch
unterwegs in einen Irrtum.
Bei der Pflege
der Heidenheimer Klosterquelle bemerke, ich, daß ich mir zum Beispiel
Gedanken über eine günstigere Konstruktion der Einfassung mache. Die
Regenrinne fehlt, eine das Wasser vom Hang abhaltende Mauer wäre gut. Man
könnte die Quelle so gestalten, daß Pflege weitgehend
überflüssig würde. Man gestaltet heutzutage ja überhaupt
die meisten Dinge so, daß sie auch unter den Bedingungen
größter Lieblosigkeit funktionieren. Aber dann denke ich auch: Die
Pflege dieser Quelle ist vielleicht eine völlig andere Sache als die
Hoffnung, durch ihre Veränderung etwas zu erreichen. Oder gar durch ein
Schild. Das Schild, das jetzt zum Sauberhalten der Quelle auffordert, wird die
Heidenheimer Liebespaare nicht überzeugen, denn sie wissen, mit der
Heidenheimer Klosterquelle fing von je her alles in der Welt an, und auch meine
Eltern, ja auch meine Eltern standen auf ihrer Hochzeitsreise, kurz nach dem
Krieg von Mönchsroth bis hierher reisend, an der Heidenheimer
Klosterquelle am Gartenzaun, der damals diese Quelle umgab, mein Vater rauchte
und erklärte etwas, und meine Mutter nickte. Und dann trat mein Vater
seine Zigarette aus oder er schnippte sie ins Wasser, wer weiß, und
küßte meine Mutter. Ja, es ist geradezu, als wäre diese Quelle
und die Mängel ihrer Einfassung ausschließlich für mich da, mit
ihrer unvollkommenen Konstruktion Tag für Tag zurechtzukommen und jetzt
mir solche Gedanken einzuflößen. Ja, vielleicht wurde die
Konstruktion überhaupt so gewählt, daß sie
einen täglichen Dienst erfordert. Wer die Quelle täglich reinigen
würde, wer weiß, würde der nicht mit der Zeit ihr Geheimnis
erforschen oder wenigsten einen Anteil haben? Aber worin läge das
Geheimnis?
Orgelzwischenspiel II
„Wie ein
Wildbach sich aus Regenwassern sammelt, überströmt, niederdonnert,
läuft und laufend abläuft, so ist der Lauf der Sterblichkeit.
Menschen werden geboren, leben, sterben, und da die einen sterben, entstehen
andere..., alle mit brennenden Herzen nach der Lösung ihrer Qualen
suchend. Und auch sie gehen und bleiben nicht. Was aber hält sich hier?
Was läuft nicht fort? Was geht nicht wie aus Regenwassern gesammelt in die
Tiefe? Was hat kein Ende?"
Wir pflegen
unser Haus, wir pflegen unseren Garten. Die Pflege des gemeinsamen Besitzes
aller Menschen nennt man Kultur. Kultur ist also nicht das, was von
Künstlern gemacht wird! Es ist das, was von allen gemacht wird! Die
Handlungen und Verrichtungen, die dazu nötig sind, formen unser Leben. Der
Mann, der auf Krücken dastehend die Geschichte des Heidenheimer Klosters
erzählt, zum hundertsten und tausendsten Mal, greift auf solch einen
gemeinsamen Besitz zurück. Was er tut, ist Pflege. Der Künstler, der
Priester, der Politiker, die Mesnerin in der Kirche, der städtische
Arbeiter in den Anlagen. Was sie tun, ist Pflege eines uns gemeinsamen
Besitzes. Das Wort
„Kultur“ und das Wort „Pflege“ sind ursprünglich
ein- und dasselbe Wort — cultus. Wir leben heute leider in einer Welt, in
der die gemeinsamen und öffentlichen Dinge oft so lange
"pflegeleicht" gestaltet werden, bis keine Mühe und Sorgfalt
mehr in sie eingehen kann. Wo aber keine Mühe mehr eingeht, stirbt das
Geheimnis, und stirbt das Geheimnis, dann stirbt die Schönheit der
menschlichen Beziehungen, und wo die Schönheit der menschlichen
Beziehungen stirbt, gibt es keinen Sinn und kein Licht, und so stolpern wir,
eine Welt voller Narren, durch die Nacht und sinnen auf Lösungen von
Problemen, in denen wir uns stattdessen bewähren
müßten. Wir glauben, daß es auf den richtigen Handgriff
ankommt, auf einen Kniff oder auf Eile. Und wo wir den Kniff nicht finden, da werden
wir
ihn noch finden, denken wir, und wo wir ein Glück noch nicht erreicht
haben, da schaffen wir es uns möglichst schnell. — Ist es nicht
verwunderlich, wie viel Kraft und Material wir in die zweckmäßigen
und oft häßlichen Gegenstände stecken? Ist es nicht
verwunderlich, daß wir in unserem Drang zur Lösung unserer Probleme
ganze Umgebungen schaffen, die so häßlich sind, daß wir sie
feiertags lieber verlassen und dann zum Beispiel hierherkommen, zu
Orten wie diesem?
Das Wasser der
Heidenheimer Klosterquelle fließt aus seinem Becken unter dem Kreuzgang
in dessen Mitte, und dort rinnt es als artesische Quelle über eine Kugel.
Man hört es nicht. Die Kugel erhält durch das rinnende Wasser einen
eigenartigen Glanz. Durch die vier Robinien, die sie umstehen, tritt die Sonne
und wirft die Konturen von Kontinenten und Meeren und Wüsten auf die
Kugel, so als wäre es die Erdkugel in ihrer Bewegung im All, auf die die
Sonne ewigen Mittag brennt und die der Mond umkreist und Sonnenfinsternisse und
Stürme und das Dröhnen und Vulkane und Tage und Nächte und
Tauglänzen schafft und die ganze Ewigkeit aufruft in einem einzigen
Schatten, und dabei ist es doch nur das Wasser der Heidenheimer Klosterquelle,
deren Steinfassung ich täglich abkehre, und es ist so still im Kreuzgang,
daß ein einziges Fenster, das sich schließt, sekundenlang
widerhallt.
Orgelzwischenspiel III
„Dir
Seele, genügt nichts anderes als jener, der dich erschaffen hat. Was immer
auch Du anderes ergreifst, es wird elend, weil Dir nur der genügen kann,
der Dich nach seinem Gleichnis erschaffen hat.“
Die
Heidenheimer Klosterquelle liegt unter schattigen Buchen. Über ihr ein
kleines Gewölbe mit Dächlein, ein Häuschen mit seinem Geheimnis,
und man fragt, was ihr Geheimnis sein könnte. Wir wissen, daß mit
dieser Quelle alles begann. Auch die Liebespaare des Marktfleckens wissen,
daß mit ihr alles beginnt. Sie besuchen sie in den warmen Nächten
und lehnen sich über die Brüstung, er erklärt ihr etwas, sie
nickt; und tagsüber hört man zuweilen das Fließen des Wassers,
die Orgel und das Rauschen der Blätter in den Kronen der Buchen. Die
Konstruktion macht tägliche Mühen. Der Lohn meiner Mühen ist
eine gewisse Teilhabe an ihrem Geheimnis.
Die wahre Teilhabe kommt allerdings anderen zu, denen die nicht sprechen,
sondern hören — so wie
auch der deutlichste Hinweis darauf jene Kugel ist, über die das Wasser in
vollendeter Stille inmitten des Kreuzganges rinnt. — Indem das Wasser diese Kugel
umfließt und die Schatten der Robinien Kontinente darauf malen, erhalten
wir den Gedanken an den Stern, den wir beleben, an Tag und Nacht und Sonnen-
und Mondfinsternisse und die Jahrtausende, die aus Licht und Schatten und
Wasserfließen und Leben entstehen. Die Mitteilung dieses Gedankens, die
allein in der bildhauerischen Konstruktion der Quelle, das heißt in der
Kugel und in dem über sie rinnenden Wasser liegt, ist dem Zusammensein von
Liebenden am Ähnlichsten, denn sie geschieht im Schweigen.
Orgelabschluß (IV)