LEGENDE

Reinhard Knodt

Gedanken beim Reinigen des Heidenheimer Klosterbrunnens[1]

„Wandelbar ist unser Geist, der lernend aufnimmt, was er nicht wußte und verlernend verliert, was er wußte und durch das scheinbar Wahre getäuscht wird, das Falsche für das Wahre zu halten. So ist er durch seine eigene Dunkelheit wie durch Finsternisse gehemmt, zur Wahrheit zu gelangen.“

Die Heidenheimer Klosterquelle liegt außerhalb des Kreuzgangs unter schattigen Buchen in einer baumbestandenen Mulde. Ein wenig sieht sie aus wie ein Häuschen mit einem Geheimnis. Man fragt sich, was das Geheimnis sein möchte und weiß natürlich, hier hat alles begonnen. Und vieles Andere beginnt dort auch nach wie vor, die Liebe etwa; ich stelle mir vor, daß die Jugendlichen des Marktfleckens Heidenheim dort stehen, ein junges Paar, nachts an die Holzbalken gelehnt über die ganze Welt sprechend, er zigarettenrauchend erklärt ihr etwas und sie nickt. In manchen Stunden tagsüber hört man dort mit dem Fließen des Wassers auch die Orgel vom Münster und das Rauschen der Blätter in den Baumkronen. Die Vollkommenheit des Geräusches von fließendem Wasser, das Geräusch des Windes in den Blättern und die hergewehten Töne der Orgel, — dazu das Sonnenflirren im Schwanken der Äste und der schier unendliche blaue Raum über den Heidenheimer Münstertürmen, dies alles ist von einer Unnachahmlichkeit, die durch Menschenwillen nicht herstellbar ist, die aber dennoch besteht und die derjenige kostet, der zum Beispiel die Heidenheimer Klosterquelle reinigt.

Ich kehre die Steine morgens und abends. Wenn es geregnet hat, schabe ich das Erdreich von der Umfassung und fische Blätter und Insekten aus dem Wasser. Sehr nützlich ist meine Tätigkeit zugegebenermaßen nicht,  heute Nacht schon wird vielleicht das nächste Liebespaar hier stehen, er wird rauchen und ihr etwas erklären und sie wird nicken und ein Schokoladenpapier fallen lassen oder der Regen wird kommen und Schlamm vom Hang herab über die Steine schwemmen. Aber — wie soll ich sagen — für mich ist es, als müsse es eben genau so sein und als würde durch meine Tätigkeit dieser Ort und dieser Stein und diese Bäume ganz besonders zu mir sprechen. — Wenn ich im Münster stehe, nur zum Beispiel, ist es als könne ich von hier aus das Fließen des Wassers und Windrauschen in den Buchen über der Quelle hören und hier stehend sehe ich dann vor meinen Augen dieses weiße Häuschen unter den Buchen mit seinen braunbespritzten Füßen und frage nach seinem Geheimnis.

Orgel I

Augustinus sagte einmal, für die menschliche Seele sei Wahrheit zwar schwer zu erkennen. Noch schwerer aber sei, sie anzuerkennen und mit ihr auszukommen.. Oft trösten wir uns mit der Hoffnung auf Änderung und sind dabei doch unterwegs in einen Irrtum.

Bei der Pflege der Heidenheimer Klosterquelle bemerke, ich, daß ich mir zum Beispiel Gedanken über eine günstigere Konstruktion der Einfassung mache. Die Regenrinne fehlt, eine das Wasser vom Hang abhaltende Mauer wäre gut. Man könnte die Quelle so gestalten, daß Pflege weitgehend überflüssig würde. Man gestaltet heutzutage ja überhaupt die meisten Dinge so, daß sie auch unter den Bedingungen größter Lieblosigkeit funktionieren. Aber dann denke ich auch: Die Pflege dieser Quelle ist vielleicht eine völlig andere Sache als die Hoffnung, durch ihre Veränderung etwas zu erreichen. Oder gar durch ein Schild. Das Schild, das jetzt zum Sauberhalten der Quelle auffordert, wird die Heidenheimer Liebespaare nicht überzeugen, denn sie wissen, mit der Heidenheimer Klosterquelle fing von je her alles in der Welt an, und auch meine Eltern, ja auch meine Eltern standen auf ihrer Hochzeitsreise, kurz nach dem Krieg von Mönchsroth bis hierher reisend, an der Heidenheimer Klosterquelle am Gartenzaun, der damals diese Quelle umgab, mein Vater rauchte und erklärte etwas, und meine Mutter nickte. Und dann trat mein Vater seine Zigarette aus oder er schnippte sie ins Wasser, wer weiß, und küßte meine Mutter. Ja, es ist geradezu, als wäre diese Quelle und die Mängel ihrer Einfassung ausschließlich für mich da, mit ihrer unvollkommenen Konstruktion Tag für Tag zurechtzukommen und jetzt mir solche Gedanken einzuflößen. Ja, vielleicht wurde die Konstruktion überhaupt so gewählt, daß sie einen täglichen Dienst erfordert. Wer die Quelle täglich reinigen würde, wer weiß, würde der nicht mit der Zeit ihr Geheimnis erforschen oder wenigsten einen Anteil haben? Aber worin läge das Geheimnis?

Orgelzwischenspiel II

„Wie ein Wildbach sich aus Regenwassern sammelt, überströmt, niederdonnert, läuft und laufend abläuft, so ist der Lauf der Sterblichkeit. Menschen werden geboren, leben, sterben, und da die einen sterben, entstehen andere..., alle mit brennenden Herzen nach der Lösung ihrer Qualen suchend. Und auch sie gehen und bleiben nicht. Was aber hält sich hier? Was läuft nicht fort? Was geht nicht wie aus Regenwassern gesammelt in die Tiefe? Was hat kein Ende?"

Wir pflegen unser Haus, wir pflegen unseren Garten. Die Pflege des gemeinsamen Besitzes aller Menschen nennt man Kultur. Kultur ist also nicht das, was von Künstlern gemacht wird! Es ist das, was von allen gemacht wird! Die Handlungen und Verrichtungen, die dazu nötig sind, formen unser Leben. Der Mann, der auf Krücken dastehend die Geschichte des Heidenheimer Klosters erzählt, zum hundertsten und tausendsten Mal, greift auf solch einen gemeinsamen Besitz zurück. Was er tut, ist Pflege. Der Künstler, der Priester, der Politiker, die Mesnerin in der Kirche, der städtische Arbeiter in den Anlagen. Was sie tun, ist Pflege eines uns gemeinsamen Besitzes.  Das Wort „Kultur“ und das Wort „Pflege“ sind ursprünglich ein- und dasselbe Wort — cultus. Wir leben heute leider in einer Welt, in der die gemeinsamen und öffentlichen Dinge oft so lange "pflegeleicht" gestaltet werden, bis keine Mühe und Sorgfalt mehr in sie eingehen kann. Wo aber keine Mühe mehr eingeht, stirbt das Geheimnis, und stirbt das Geheimnis, dann stirbt die Schönheit der menschlichen Beziehungen, und wo die Schönheit der menschlichen Beziehungen stirbt, gibt es keinen Sinn und kein Licht, und so stolpern wir, eine Welt voller Narren, durch die Nacht und sinnen auf Lösungen von Problemen, in denen wir uns stattdessen bewähren müßten. Wir glauben, daß es auf den richtigen Handgriff ankommt, auf einen Kniff oder auf Eile. Und wo wir den Kniff nicht finden, da werden wir ihn noch finden, denken wir, und wo wir ein Glück noch nicht erreicht haben, da schaffen wir es uns möglichst schnell. — Ist es nicht verwunderlich, wie viel Kraft und Material wir in die zweckmäßigen und oft häßlichen Gegenstände stecken? Ist es nicht verwunderlich, daß wir in unserem Drang zur Lösung unserer Probleme ganze Umgebungen schaffen, die so häßlich sind, daß wir sie feiertags lieber verlassen und dann zum Beispiel hierherkommen, zu Orten wie diesem?

Das Wasser der Heidenheimer Klosterquelle fließt aus seinem Becken unter dem Kreuzgang in dessen Mitte, und dort rinnt es als artesische Quelle über eine Kugel. Man hört es nicht. Die Kugel erhält durch das rinnende Wasser einen eigenartigen Glanz. Durch die vier Robinien, die sie umstehen, tritt die Sonne und wirft die Konturen von Kontinenten und Meeren und Wüsten auf die Kugel, so als wäre es die Erdkugel in ihrer Bewegung im All, auf die die Sonne ewigen Mittag brennt und die der Mond umkreist und Sonnenfinsternisse und Stürme und das Dröhnen und Vulkane und Tage und Nächte und Tauglänzen schafft und die ganze Ewigkeit aufruft in einem einzigen Schatten, und dabei ist es doch nur das Wasser der Heidenheimer Klosterquelle, deren Steinfassung ich täglich abkehre, und es ist so still im Kreuzgang, daß ein einziges Fenster, das sich schließt, sekundenlang widerhallt.

Orgelzwischenspiel  III

„Dir Seele, genügt nichts anderes als jener, der dich erschaffen hat. Was immer auch Du anderes ergreifst, es wird elend, weil Dir nur der genügen kann, der Dich nach seinem Gleichnis erschaffen hat.“

Die Heidenheimer Klosterquelle liegt unter schattigen Buchen. Über ihr ein kleines Gewölbe mit Dächlein, ein Häuschen mit seinem Geheimnis, und man fragt, was ihr Geheimnis sein könnte. Wir wissen, daß mit dieser Quelle alles begann. Auch die Liebespaare des Marktfleckens wissen, daß mit ihr alles beginnt. Sie besuchen sie in den warmen Nächten und lehnen sich über die Brüstung, er erklärt ihr etwas, sie nickt; und tagsüber hört man zuweilen das Fließen des Wassers, die Orgel und das Rauschen der Blätter in den Kronen der Buchen. Die Konstruktion macht tägliche Mühen. Der Lohn meiner Mühen ist eine gewisse Teilhabe an ihrem Geheimnis.  Die wahre Teilhabe kommt allerdings anderen zu, denen die nicht sprechen, sondern hören —  so wie auch der deutlichste Hinweis darauf jene Kugel ist, über die das Wasser in vollendeter Stille inmitten des Kreuzganges rinnt. —  Indem das Wasser diese Kugel umfließt und die Schatten der Robinien Kontinente darauf malen, erhalten wir den Gedanken an den Stern, den wir beleben, an Tag und Nacht und Sonnen- und Mondfinsternisse und die Jahrtausende, die aus Licht und Schatten und Wasserfließen und Leben entstehen. Die Mitteilung dieses Gedankens, die allein in der bildhauerischen Konstruktion der Quelle, das heißt in der Kugel und in dem über sie rinnenden Wasser liegt, ist dem Zusammensein von Liebenden am Ähnlichsten, denn sie geschieht im Schweigen.

Orgelabschluß (IV)



[1] Heidenheim 12. August 1999 /An der Orgel des Münsters der Bildhauer und Maler Thomas Richter.