Godehard Schramm

Dr. Godehard Schramm wurde 1943 in Konstanz geboren und wuchs in Thalmässing und Neustadt an der Aisch auf; studierte Slawistik; zahlreiche schriftstellerische Veröffentlichungen und Literaturpreise zeugen von seiner Bedeutung für die Literaturlandschaft Nürnbergs, aber ebenso seine überregionale Bekanntheit; Übersetzungen aus dem Russischen (u.a. von Texten des Freundes Jewgenji Jewtuschenko) und poetische Verarbeitung seiner Reiseerfahrungen zeigen ihn, nach eigener Aussage, als "EuropaNarr"; er wurde in den Blumenorden aufgenommen im Juni 1993; las aus eigenen Werken, verfaßte den Text des Irrhainspiels 1994. Unter anderen Ehrungen auch Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der BRD 1996. Sein Text "Murato" stammt von 1997.

Godehard Schramm

Murato

Urkirche in Korsika

 

Damals gab's kein Telefon.

Niemand sprach von Amerika.

 

Damals ruderte man sogar auf dem Land:

Ein holpriger Weg, mühsam befahrbar,

versprach Ankommen —

quer durch Gebirge und Macchia.

Der Abgrund gehörte dazu.

 

Damals reichten die Tage kaum aus,

um ausreichend versorgt zu sein.

Ständig war jeder auf der Hut:

Raubtiere, Seeräuber,

Gewitter und Unwetter —

Gegner ringsum.

Aber der Menschenwille:

Sich zu behaupten.

 

Pisanische Eroberer suchten

ihr Glück auf Korsika

und sie träumten

von einem freien Platz in den Bergen,

mit Meerblick nach Osten und Westen.

 

Pisanische Eroberer glaubten,

daß eine Insel der Freiheit

mitten im Meer zu halten wäre.

So begannen sie zu bauen.

 

Auf ebener Flache mauerten sie —

ein Rechteck: zwanzig Meter lang,

sechs Meter breit.

Die Apsis wölbten sie zum Sonnenaufgang.

 

Sie nahmen die Steine aus den Bergen so,

wie sie zu brechen waren —

keinen behauten sie gleich groß.

So wechselte Bergweiß mit Serpentingrün.

 

Das Haus wuchs.

Zwei Fensterkerben an jeder Längsseite —

Licht genug.

Auf zwei runde Säulenfüße stellten sie

den Glockenturm, westwärts, vor die Tür;

auch er bergweiß und serpentingrün.

 

Das geschah etwa im Jahr 1200.

Mehr brauchen wir nicht zu wissen

von den pisanischen Eroberern.

Für sie sprach ihrer Hände Arbeit.

 

Einstimmig sagt das weißgrün Gebänderte,

eindeutig spricht das grünweiß Gewürfelte:

Hier

haben wir keine Angst.

Hier

fügen wir unsere Freude zusammen.

Hier

sagen wir Dank,

einmal in sieben Tagen.

Hier

legen wir das Schiff unserer Gebete auf Kiel.

 

Hier

ist ein trockener Platz.

Hier

stärken wir uns,

einmal die Woche;

wider Ratlosigkeit, Ärger und Hunger.

Hier

münden die Tage unserer Mühen

auf dem Sonntagsplatz.

Hernach kann jeder essen und trinken,

gemeinsam werden wir tanzen,

und wer's nicht aushält,

schlagt sich zu zweit in die Büsche.

 

Hier

himmelnah

wollen wir lauschen

auf die Winke der Wolken und Götter.

Hier

hören wir hin

auf die Offenbarung

schwieriger heiliger Worte.

Hier

werden wir's spüren:

Ohne ein immerzu-richtig

sind wir verloren.

Hier

bauen wir einen Morgenstern,

immer an seinem Platz,

sicher leuchtend, wie der Abendstern.

Hier

stehen wir leicht.

Hier

knieen wir gern,

um die Sorgen leichter zu schultern.

Hier

wünschen wir uns Zuspruch,

mehr als Sonne und Regen

zu bieten haben.

 

Hier

soll uns einer das Beten buchstabieren.

Hier

trinken wir alle aus einem Kelch

die Kraft des Zusammenseins —

auch wenn einer den andern argwöhnisch

beäugt, denn:

Hier

ist jeder, ein Dickschädel wie immer,

mit jedem gleich groß und gleich klein.

Hier

lassen wir Hochmütigen

uns segnen —

vom seltsamen Wind der Zuversicht,

die keiner von uns in der Hosentasche hat

wie einen Stein für die Schleuder.

Hier

fassen wir Mut, wie Segelwind,

der nur aufkommt,

wenn alle zusammen ihn rufen

wie bittende Kinder.

Hier

kann kein Vorbeter Vormund sein.

Hier

ist das Gebet ein Schneepflug,

der Worte weiß: schaufelklar.

Hier

brauchen wir sie nur nachzusprechen,

schon weicht der Dreck beiseite.

Hier

sollen die Worte wie Steinstufen sein.

Hier

— erhobenen Haupts —

nehmen wir Gottes Rätsel entgegen:

wie die Willkür der Frauen,

die wir auch deshalb so lieben.

Hier

sehn wir, an einem Fenster,

die Kraft der göttlichen Schlange:

Wie sie den Apfel hinhält, evanackt —

schon morgen könnte Versuchung erscheinen

in ganz anderer Gestalt —

wir aber sind rechtzeitig gewarnt.

Hier

sehn wir sie reifen:

die geschmeidige Geduld —

ermuntert vom Weinstock,

blattstark und rebenschwer.

Hier

wundern wir uns über manches.

Hier

löst sich unsere verstockte Zunge

zum Lobpreis des Lebens —

diesem seltsam salzigen

und feigensüßen Geschenk.

Hier

spüren wir's, manchmal:

daß wir ferne Geschwister haben —

mögen sie ihre Sonntage auch anders feiern.

Hier

rüsten wir uns

für den Engpaß des Todes.

Hier

schenken wir unsere Verzweiflung her.

Hier

opfern wir manchmal nichts anderes

als unsere niederschlagende Traurigkeit.

Hier

beneiden wir Schiffe und Vögel,

und wir überholen sie

mit den Flügelschlägen gemeinsamen Gesangs.

Hier

war vielleicht schon vor uns

ein Tempel.

Vielleicht wurden da Schafe geopfert

und Ziegen —

wir geben Zeit und Gesang

und was wir sonst noch übrig haben.

Hier

lachen wir lauthals

über die witzigen Wunder der Welt.

Hier oben,

mit freiem Blick

zu beiden Küsten, wachsam wie immer,

hier ist's,

als schauten wir Gott

in seine meerblauen Augen.

Hier

ist eine Stelle,

himmelnah —

näher kommen wir nicht.

Dort

ist was gelungen.

Dort

haben sie einst pisanisch gesungen.

Leicht kam's von den Zungen.

Zuversicht füllte die Lungen:

Gleichmütig die Alten,

einmütig die Jungen.

Ihre Pisaner Gesänge sind

in den Stein gedrungen.

 

Steinweiß. vom Serpentingrün durchdrungen:

Quellwasserfrisch

das blutstillende Kirchenschiff,

hoch überm kalkigen Riff —

stolz und gedrungen,

hartem Gestein abgerungen.

Ihr Gotteslob ist bis heut nicht verklungen.

 

 

Die Kirche von Murato befindet sich unweit von Bastia, mitten auf dem Landfinger, in den Korsika im Norden ausläuft, so daß das Mittelmeer sowohl im Westen wie im Osten zu sehen ist.

Korsika gehörte im Mittelalter erst zu Pisa, danach — um 1300 — fiel die Insel an Genua. Die romanische Architektur und Plastik kann den Pisanern zugeschrieben werden.

Der Text entstand nach einem Aufenthalt in Korsika — im Spätsommer 1997. Die erste Fassung erschien in der "Nürnberger Zeitung", an Pfingsten 1998.